Zwei Frauen schweben quer durch das Bild. Sie liegen in der Luft, waagerecht, die Gewänder hängen schwer, das lange rotbraune Haar zieht nach unten und verfängt sich in den kahlen Ästen eines Baums. Hinter ihnen ein dunkler Waldstreifen, darüber die verschneiten Alpen im letzten Licht, davor eine leere Schneefläche. Die Landschaft bleibt ruhig. Das Motiv ist es nicht. Segantini malt das 1891 nach dem Gedicht „Nirvana" von Luigi Illica; das Bild gehört zu seinen frühen symbolistischen Arbeiten und hängt heute in der Walker Art Gallery in Liverpool. Die Bestrafung besteht hier nicht in Feuer, sondern in Kälte und Schwerelosigkeit - die Frauen treiben durch ein Hochtal, das keinen Halt bietet. Mich fasziniert der Widerspruch: Die Szene ist düster gedacht, wirkt aber fast friedlich. Dazu trägt Segantinis divisionistische Malweise bei, dieses Setzen vieler feiner Farbstriche nebeneinander, das dem Schnee und dem Himmel ein flirrendes, silbriges Licht gibt.
Genau an diesem Haar entscheidet sich diese Anfertigung. Aus der Nähe löst sich das rotbraune Haar der vorderen Figur in einzelne, gewundene Strähnen auf, die sich vom Schnee abheben wie gezeichnet - jede Windung bleibt lesbar, bis dorthin, wo sie im dunklen Waldband verschwindet. Auch die vielen kurzen Farbstriche in den Bergflanken kommen einzeln durch, nichts verschwimmt zu grauem Brei. Der Druck sitzt auf Leonardo, einer satinierten Leinwand, aufgespannt auf Keilrahmen im Format 68 x 39 cm; an den Seitenkanten läuft das Motiv gespiegelt weiter, ein zusätzlicher Rahmen fehlt bewusst und hinten sorgt ein Sägezahnaufhänger für den Halt an der Wand. Diese offene Machart passt zum Bild. Ohne Leiste endet die Schneefläche einfach an der Kante, und das Schwebende der Szene setzt sich in der frei stehenden Leinwand fort. Das Querformat streckt die Komposition zusätzlich in die Breite - der Blick wandert an den Figuren entlang wie an einem Fries. Man geht zunächst vorbei, bleibt dann doch stehen, weil da etwas durch die Luft treibt, das nicht dorthin gehört. Ein Bild, das nicht laut sein muss, um im Raum zu bleiben.