Oben die Blüte, unten die Frucht - so ordnet diese Tafel den Birnbaum von Pollviller in zwei Registern, die eine schmale Zone leeren Grundes voneinander trennt. Der blühende Zweig füllt die obere Bildhälfte mit einem dichten weißen Blütenstand, dessen dunkelrote Staubgefäße wie feine Punktierungen über den gezackten Blättern sitzen; darunter hängen fünf bauchige Früchte in warmem Rostbraun an langen Stielen, flankiert von einer aufgeschnittenen Birne, die das fünfstrahlige Kerngehäuse offenlegt. Über allem steht nüchtern "T. 6. No. 58." - Wissenschaft und Anschauung greifen hier ineinander, wie es für die botanische Illustration um 1800 typisch ist. Die Vorlage geht auf Pierre-Joseph Redouté zurück, den wohl berühmtesten Pflanzenmaler seiner Zeit, der für das "Nouveau Duhamel du Monceau" zahlreiche Obstgehölze festhielt. Was diese Tafeln bis heute tragen, ist ihre Doppelnatur: exakt genug für den Botaniker, schön genug für die Wand.
Die satinierte Leinwand steckt in Sinead, einer schlichten Leiste aus Eichenfurnier - und an den Ecken zeigt sich, warum diese Entscheidung aufgeht. Die Gehrung unten rechts schließt so knapp, dass nur eine haarfeine Linie bleibt, während die Maserung auf beiden Schenkeln in unterschiedliche Richtungen läuft und der Leiste etwas Lebendiges gibt. Kein Lack, der das Holz versiegelt wirken lässt; die Oberfläche bleibt offenporig hell, mit einzelnen dunkleren Faserzügen über der schmalen Sichtkante. Neben dem gebrochenen Weiß des Blattgrundes liest sich die Eiche fast wie eine Fortsetzung des Papiertons in Holz. Woran ich hängen bleibe: die kleine Stecher-Signatur "Gabriel sculp" am unteren Rand steht gestochen scharf - selbst diese wenigen Millimeter Schrift kommen ohne Weichzeichnung durch.