Der Mond steht rechts der Bildmitte und wirft eine helle Bahn über das Wasser bis an den Strand. Genau dort beginnt das Bild zu leuchten. Sebastian Pether malt 1820 den Hafen von Southampton bei Nacht. Links drängt sich die Stadt ans Ufer: Festungsmauern, Kirchtürme, kleine Häuser mit roten Dächern. Am Kai liegen Segelschiffe mit hohen Masten, weiter draußen kreuzen Boote im Mondlicht. Vorne am Strand steht ein Mann neben seinem Kahn, eine zweite Figur geht durch den nassen Sand. Über allem türmen sich Wolken, die der Mond von hinten silbern anstrahlt. Pether stammt aus einer englischen Malerfamilie, die für ihre Mondscheinszenen bekannt war - sein Vater trug den Beinamen "Moonlight Pether", und der Sohn führte das Fach fort. Das Bild lebt vom Gegensatz zwischen dem fast schwarzen Baum am linken Rand und dem hellen Himmel dahinter. Es ist keine dramatische Nacht. Eher eine stille, in der die Stadt schläft und nur am Wasser noch gearbeitet wird. Wer länger hinschaut, findet immer mehr kleine Lichter: erleuchtete Fenster, Reflexe auf den Wellen, das Glimmen am Ufergras.
Zu dieser Nachtstimmung gehört hier ein Rahmen, der farblich erstaunlich viel mit dem Bild teilt. Lychorida heißt das Profil: außen schwarz, innen eine Kehle in hellbraunem Holzton, dann eine schmale Goldkante direkt am Bildrand. Diese drei Töne kommen alle im Motiv selbst vor. Das Schwarz der äußeren Leiste entspricht dem dunklen Baum und dem Schattenufer links unten. Die braune Kehle mit ihrer sichtbaren Maserung trifft ziemlich genau die rotbraunen Uferpartien und das trockene Gras im Vordergrund. Und das Gold sitzt farblich zwischen Mondbahn und beleuchtetem Strand - als hätte jemand die hellste Stelle des Bildes einmal ums ganze Format gezogen. Zwischen Goldkante und Bildfläche bleibt ein schmaler weißer Streifen der matten Leinwand Raphael sichtbar, der die dunklen Töne kurz unterbricht und dem Auge eine Pause gibt, bevor der Rahmen beginnt. Ohne diesen Streifen würden Bildschatten und Rahmenschwarz ineinanderlaufen. So bleibt beides getrennt und wirkt trotzdem wie aus einem Guss. Bei 60 x 48 cm trägt das kräftige Profil nicht auf, es fasst das Format sauber. Man merkt erst beim zweiten Hinsehen, wie genau die Abstimmung sitzt - der Rahmen erklärt sich nicht, er passt einfach. Am Ende zählt ohnehin, was er einfasst: eine Hafennacht, in der ein einzelner Mann am Wasser steht und der Mond die ganze Bucht in dasselbe warme Licht taucht. Pether hat solche Nächte oft gemalt. Diese hier gehört zu den ruhigsten.